“Für Baseball und den Sozialismus”
Oder: Warum die Amerikaner ihre vier großen Sportligen so lieben
Ich bin gerade über einen schönen Text von Lars Jensen im Feuilleton-Teil der FAS gestolpert, der sich mit der heutigen amerikanischen Kultur befasst und explizit mit dem US-Sport. Der Autor lebt seit einigen Jahren in New York und wundert sich immer wieder über einige Dinge, die in den USA zum Alltag gehören, aber vom Rest der Welt nicht verstanden werden. Neben der Verwunderung über den Hang zu klobigen und ungelenken Autos sowie die immer noch vorhandenen überirdischen Stromleitungen, findet Jensen gerade die verbindende Liebe der Amerikaner zum US-Sport sehr verwunderlich:
“Als einziger gemeinsamer Nenner ist den Amerikanern der Sport geblieben. Die vier großen Ligen, in denen Eishockey, Basketball, Footbal und Baseball gespielt werden, halten das Land zusammen. Auf den ersten Blick wirkt diese Obsession sympathisch. Bis man mal ein Spiel der NBA oder der NHL gesehen hat: Der Amerikaner fiebern beim Sport nicht mit, sondern er konsumiert ihn - mit einem riesigen Berg Popcorn und Hotdogs auf dem Schoß.”
Das ist jetzt insgesamt nichts Neues, doch den Schluss den Jensen am Ende seines Textes zieht, finde ich sehr interessant. Er versucht der Frage nachzugehen, warum die Amerikaner ihren Sport so lieben, obwohl sie nicht wirklich emotional beteiligt sind. Zum einen wäre da das unbändige Interesse an Statistiken, was besonders im Baseball schon skurile Züge annimmt. Doch Jensen hat noch einen weiteren Erklärungsansatz, der gerade im aktuellen politischen Spannungsfeld in den USA mit der immer größer werdenden Tea-Party-Bewegung sehr interessant ist:
“Vielleicht lieben die Amerikaner - ohne es zu wissen - ihre Profiligen so sehr, weil sie das krase Gegenteil darstellen von der amerikanischen Gesellschaft, sie arbeiten nämlich nach den Prinzipien des Sozialismus. Reiche Clubs zahlen hohe Luxussteuern an die armen; absteigen kann ein Club nicht, selbst wenn er alle Spiele verliert; Spielergehälter sind reguliert, und die schlechtesten Clubs dürfen am Ende der Saison die besten Nachwuchsspieler anheuern. Man stelle sich vor, der FC St. Pauli spielte immer in der ersten Liga und könnte jedes Jahr die zwei besten Spieler der U-19-Nationalmannschaft aussuchen - um sie mit den Luxussteuern zu bezahlen, die Bayern München abführt.
Es scheint, als wüssten die Amerikaner selber nicht, was sie den ganzen Tag so treiben: Kein schlimmeres Schimpfwort ist hier denkbar als der Begriff “Sozialist”. Doch die Profiligen, das heiligste Gut des Landes, funktionieren wie eine Kolchose.”
Ich finde, Jensen bringt es auf den Punkt. Das ist doch schon eigenartig, oder nicht?
Der gesamte Text ist auf jeden Fall lesenswert, allerdings habe ich ihn leider nicht online gefunden.
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